Ich bin zur Zeit in Wolfsburg. Nein, ich bin nicht bei VW sondern als Teilnehmer am alljährlich stattfindenden 2b ahead Zukunftskongress hier. Wir haben Kaiserwetter, der Kongress findet im hiesigen Schloss und überwiegend im Freien statt und die Teilnehmer sind eine bunte inspirierende Mischung aus allen erdenklichen Bereichen.
Die Aufgabe, der sich zu diesem Anlass mein Chef stellte: Die IT Roadmap der nächsten 10 Jahre in 10 Minuten.
Großartig. Und undankbar.
Einer der Teilnehmer meldete sich auch prompt zu Wort und fragte, ob Gestensteuerung und Spracherkennung denn wirklich so neu seien. Devices gäbe es ja auch schon und das Internet of Things sei ebenfalls nicht mehr besonders aufregend. Der Eingeweihte kenne diese Themen doch schon lange.
Richtig. Nur ist das nicht der Punkt. Die Beobachtung wie auch die Frage ging kilometerweit am eigentlichen Thema vorbei. Fragt man nach der Roadmap der nächsten 10 Jahre gibt es im Kleinteiligen dort nur alte Bekannte, zumindest sofern man sich auf die reine Technik beschränkt. Punkt.
Betrachten wir dazu doch beispielsweise ein Phänomen der heutigen IT: Das Smartphone. Es lässt sich argumentieren, dass nichts an diesen Geräten tatsächlich technisch neu ist. Touch gibt es seit Jahrzehnten, Apps auch. GPS, tragbare Kameras, Gyrosensor… alles nichts Neues.
Oder nehmen wir ein weiteres Hypethema: die Cloud. Das Internet und Rechenzentren haben wir doch schon lange. Big Data? – Ach was, große Datenbanken… gähn.
Richtig? – Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein!
Nur findet sich die wirkliche IT Revolution eben nicht in der Technik. Die war vorhersagbar. Moores Law, die Entwicklungen der letzten Jahre und die ganz offensichtlichen Themengebiete der Industrie ließen technologisch sehr gute Vorhersagen zu.
Was jedoch tatsächlich die IT Welt auf den Kopf stellt sind mehrere Grenzen, die durchbrochen wurden und die Art und Weise wie die Plattformanbieter der Zukunft damit umgehen. Hier die Barrieren, die meiner Meinung nach in den letzten Jahren aufgelöst wurden:
1. Die Kostengrenze:
Die ersten Computer kosteten mehr als ein durchschnittliches Einfamilienhaus und selbst als Computer weiter verbreitet waren, blieb doch viele Jahre IT ein unglaublich teures Unterfangen. Auch wenn “a PC on every desk” galt, waren gute Business PCs dennoch teure Geräte und für die im Unternehmensumfeld gebräuchliche Software galt das noch viel mehr. Oft waren zu den Endgeräten noch umfangreiche Infrastrukturen notwendig nebst dazugehörigem Personal. Heute hingegen leben wir in einer Zeit in der ein Smartphone mit mehreren Gigabyte Speicherplatz zusammen mit einem Handyvertrag erworben werden kann. Rechenzentren gibt es natürlich immer noch, aber im privaten Bereich sind wir längst gewohnt kostenfrei auf Speicherplatz und Rechenkapazität in der Cloud zuzugreifen. Tablet Computer beginnen preislich bei 49€ und Laptops sind für 200-600€ auch erschwingliche Gerätschaften. Software kostet in Form von Apps höchstens noch einstellige Eurobeträge…
Im Endeffekt bedeutet das: In unseren Breiten kann sich praktisch Jeder moderne Hardware und Software leisten. Die Industrie überschlägt sich darin immer neue Devices auf den Markt zu werfen und der Endkunde ist es gewohnt in bisher nie dagewesener Frequenz neue Hardware zu erwerben.
2. Die Komplexitätsbarriere
Früher waren PCs und die dazugehörige Software meist mit professionellem Anspruch erstellte Lösungen. Nicht nur waren sie teuer, sie waren häufig auch noch von Experten für Experten geschaffen. Schulungen waren nicht nur wünschenswert sondern häufig notwendig um überhaupt produktiv arbeiten zu können. Softwareentwicklung war eine Tätigkeit, die eine mehrjährige Ausbildung benötigte um ernsthaft erfolgreich sein zu können. Entwicklungszeiten gingen in die Jahre.
Heute sieht die Sache anders aus: Mit der eben schon erwähnten Freiheit, jederzeit auf Hardware zuzugreifen und Leistung abzurufen sind plötzlich Endanwender in entscheidender Position. Sie verwenden nur attraktive, einfach zu verstehende Lösungen und bevorzugen die elegantere Lösung wenn zwei zur Auswahl stehen. Hinzu kommt, dass die Bedienprinzipien moderner Geräte inzwischen gesellschaftlich etabliert sind. Das Wissen um Wischgesten und die Akzeptanz von Telefonen im öffentlichen Raum ist nahezu vollumfänglich. Und die Lösungsentwicklung? Die kann inzwischen praktisch von jedem in wenigen Tagen, manchmal sogar in wenigen Stunden erlernt werden. Jedermann kann App-Entwickler werden oder doch zumindest eigene Lösungen konfiguratorisch erzeugen.
3. Die Kapazitätsbarriere
Vor wenigen Jahren war die Ausstattung des lokalen Rechner eine Begrenzung, die sich de fakto nicht überwinden ließ. Wenn der lokale Speicher voll, die lokale CPU ausgelastet wurde, ging nichts mehr. Heutzutage sieht die Welt anders aus. Nicht nur lassen sich dynamisch praktisch endlos Resourcen aus der Cloud hinzuziehen, wir sind es auch gewohnt und erfreuen uns extrem niedriger Preise für diese Dienstleistungen (siehe Punkt 1). Egal ob mein Telefon ein Billigmodell aus Taiwan oder das aktuelle High Tech Flagschiff ist: Die Lösungen sind prinzipiell die selben, denn die Hauptlast liegt in der Cloud. Damit wird Software letztendlich von einem Produkt zu einer Dienstleistung. Statt ein technisches Ingenieursprodukt zu erwerben, kaufen wir eine Dienstleistung von definiertem Umfang.
Und das Revolutionäre?
Ich glaube, das Wegfallen dieser drei Barrieren bewirken derzeit mehrere Dinge:
- Breite Schichten der Gesellschaft sind kompetent in der Bedienung moderner Software und Geräten
- Die Technik in den Händen der Endkunden sind aktueller und leistungsfähiger als die am Arbeitsplatz zur Verfügung gestellten Lösungen.
- Die Updategeschwindigkeit ist derart hoch, dass Endkunden ihre CIOs buchstäblich “vor sich hertreiben”.
- Softwareentwicklung wird zu einem für breite Gesellschaftsschichten zugänglichen Prozess wodurch Menschen Lösungen erschaffen, die bisher von diesem Prozess ausgeschlossen waren.
- Diese “Demokratisierung” der Technologie führt in der IT zu einer Zunahme der zwei Hauptaktivitäten des Homo Sapiens: Kommunikation & Kreativität
Letztlich bewegen wir uns auf eine Zeit zu in der Geräte überall und in allen erdenklichen Formen existieren, auf schier unendliche Rechenleistung und Speicher zurückgreifen und dabei von jedermann programmiert werden können. Der Rückkanal wird über Sensorennetzwerke wie Handies und Autos, über neue Displays, Brillen etc. massiv aufgebaut und die Algorithmen sind inzwischen derart leistungsfähig, dass wir demnächst von “Intelligent Machines” sprechen können.
Damit haben wir zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine Technologie erschaffen, die sich auf den Menschen einstellen, auf ihn zubewegen und ihn ultimativ verstehen kann.
Big Data sehe ich da übrigens als den ersten Schritt hin zu sich selbst programmierenden Maschinen. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden wir durch die Welt laufen und auf Schritt und Tritt dabei Software erschaffen. Durch unsere Interaktion mit Sensoren, durch Gesten, Stimme und den Kontext den wir setzen, werden wir Teil einer durchgehenden Kreativitätskette. Und dieser Prozess läuft von uns unbemerkt ab, gesteuert durch Unmengen an Daten, kontrolliert von jedermann, begrenzt nur durch unseren Willen und unsere Phantasie.
Revolutionär?
You bet!